Die Ära der Antihelden: Fehlen der WWE echte Heels?

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„Mean Gene, das erste das du jetzt tun solltest, ist diesen Leuten zu sagen sie sollen die Klappe halten!“ Als sich Hulk Hogan im Juli 1996 gegen den Macho Man wandte und mit Scott Hall und Kevin Nash die nWo gründete, flog alles in den Ring, das nicht niet- und nagelfest war – Becher, Lebensmittel und diverse nicht weiter identifizierbare Gegenstände. Es war ein Skandal!

Fast Forward – ein junger Rookie namens Muhammad Hassan erschien im Dezember 2014 während einer Mick Foley Promo auf der Rampe, sprach noch nicht ein Wort und wurde bereits mit patriotischen USA-Rufen niedergebrüllt. Nur drei Jahre nach dem Anschlag auf das World Trade Center saß der Stachel tief bei den Amerikanern. Mit einem geschickten Twist zog er im Laufe der nächsten Monate den Hass der Patrioten noch weiter auf sich. Denn Hassan stellte sich als arabisch-stämmiger Amerikaner vor, der vormals US-typische Werte teilte und erst durch die Diskriminierung nach 9/11 zunehmend Verbitterung erfuhr. Dadurch bekamen das Publikum den Spiegel vorgehalten und unreflektiert, wie der Mensch oft gerne ist, führte das zu noch mehr Unmut durch die US-Fans. Obwohl das Gimmick verflachte, zog es am Ende so viel Heat, dass der Charakter Hassan wegen zu hoher Brisanz aus den Shows geschrieben werden musste.

Die Anti-PG Rebellion

Mit dem Charakter Hassan beendete der junge Mann hinter dem Gimmick, Mark Copani, seine kurzlebige, aufwühlende Wrestling-Karriere. Wenig später starb Eddie Guerrero nach einer brisanten Storyline, welche die Familien von ihm und Rey Mysterio involvierte, mit nur 38 Jahren durch Herzversagen. Wiederum zwei Jahre später ermordete Chris Benoit, vermutlich im Affekt, seine Frau und brachte anschließend sich und seinen Sohn um.

Die WWE ging durch enorme Extreme und verantwortet indirekt Tragödien, die man so nicht mehr hinnehmen und vertreten konnte. Als Reaktion darauf änderte man interne Strukturen und änderte das Konzept nach außen hin 2008 auf PG um. Dies ist die zweitniedrigste Alterseinstufung in den Staaten und besagt, dass Kinder jeder Altersstufe das Programm verfolgen dürfen, insofern dies unter Anwesenheit eines Erwachsenen geschieht.

Blut war fortan gestrichen, sexualisierende Inhalte ebenso und geflucht werden durfte nur noch in einem sehr harmlosen Tonfall. Während diese Entscheidung an sich absolut nachvollziehbar war, versäumte man jedoch im noch möglichen Rahmen für die Brisanz und Kontroverse zu sorgen, die Main Event Fehden für gewöhnlich benötigen, um am Ende des Tages eine Bedeutung zu erlangen.

Es regte sich Unmut bei den Fans. John Cena galt als Vorzeigefigur dieser Ära und bekam somit die geballte Wut ab. So wurde erstmals in der Geschichte der WWE ein Top-Face der Company zum Buhmann. Gleichzeitig wurden aus Protest Heels angefeuert. Die vorgegebenen Strukturen lösten sich auf und die WWE bekam Probleme das traditionelle „Gut gegen Böse“-Spiel an den Mann zu bringen. Dieser Zustand hält bis heute an, was zur Aufweichung der Grenzen führte.

Reality Ära: Kayfabe ist tot

Dieser wunderbare Blog hier mag sich gerade in der aufgehenden Blüte seines Lebenszyklus befinden, ansonsten ist alles, das mit Kayfabe zu tun hat, so ziemlich mausetot. Triple H selbst brachte das im Podcast mit Steve Austin wortwörtlich so zu Protokoll. Ein Heel kann in diesem Kontext auch nur noch so böse sein, wie es das Script zulässt. Keine Grautöne mehr. Keine Verschmelzung privater Hintergründe mit Storylines. WWE inszeniert sich endgültig als tourende Soap Opera. So gesehen könnte die Reality Ära auch Fake Ära heißen. Durch die klare Trennung beider Aspekte ist der Teil vor der Kamera 100% Script.

Die wahre Intensität und das echte Drama beinhaltete im Wrestling immer auch die Frage, ob die gezeigte Skrupellosigkeit, die unerhörte Aggression und die Offenlegung privater Aspekte noch gespielt sein können. Das müsse doch schon längst ein halber Shoot sein. Verdammt, was muss Matt Hardy Edge gehasst haben, als er ihm Lita ausspannte? Da fließt Blut! Mindestens!

Angenehme Bösewichte in einer allglatten Show

Reine Show-Charaktere können wir allenfalls unsympathisch oder nervig finden. Hassgefühle erwecken sie nicht. Meistens finden wir Heels anno 2015 eher cool, weil sie wenigstens ein klein wenig edgy sind. Wir haben vor ihnen sonst ja nichts zu befürchten. Sie werden niemanden massakrieren, keinen dritten Weltkrieg auslösen und das Wrestling-Business nicht von innen zerstören. Sie lassen sich allenfalls ein paar schicke Video-Packages schneiden und feuern eine Handvoll Pyros als Argumentationsstütze für ihr Gebrabbel ab.

Heels können nicht böse sein, wenn das Wrestling-Business nicht mehr gefährlich ist – einfache Rechnung.

Keine Monster-Heels = keine Ratings

Es ist kein Geheimnis, das Raw seit über einer Dekade mit fallenden Ratings kämpft. Der Mangel an guten Heels ist nur ein Aspekt für diesen Umstand. Dennoch lebt ein solches Programm nicht von Selbstironie, oder gar einer Parodie des Wrestlings. Darüber schmunzelt vielleicht die weibliche Gelegenheitszuschauerin, die sich der Familie zuliebe dazu setzt, wenn Raw läuft. Es lebt von Kontroverse, Brisanz und glaubwürdiger Action. Ohne echte Bösewichte lässt sich so ein Programm nicht realisieren.

Hustle, Loyality? – You fans can stick it!

Im Grunde genommen kann die WWE da nur noch eine letzte Karte ausspielen – Heel-Cena! Hierzu sollte man den nWo-Angle von 1996 nochmal genau unter die Lupe nehmen. Denn auch das war PG. Was hat Hogan schon getan? Einem Freund den Legdrop verpasst, erklärt dass er keine Lust mehr hat Kids die Hände zu schütteln und zwei neue Heels als Zukunft des Business angepriesen. An sich kein sensationeller Turn. Was ihn so spektakulär gemacht hat war der heldenhafte Charakter, den Hogan über ein Jahrzehnt zuvor verkörperte. Die Enttäuschung, die er damit in den Gesichtern der Kids auslöste. Die Entrüstung derer Eltern. Die Wut des langjährigen Fans.

In der Tat – Heel-Cena könnte eine Menge Schaden anrichten. Im Charity-Bereich beispielsweise. In der Bindung zu Sponsoren. Der US-patriotische Cena-Fan könnte regelrecht vom Glauben abfallen, wenn sein Held aus der Rolle fällt und ggf. aus Wut nie wieder WWE gucken. Aber das sind die Risiken, die eine WWE gehen muss. Denn das ist echt. Da sind Gefühle involviert und Menschen persönlich betroffen. Das ist der Stoff, der Wrestling groß gemacht hat. Richtig inszeniert könnte ein Cena-Turn der größte Rating-Booster des laufenden Jahrzehnts werden.

Und es ist an der Zeit. Denn Cena hat alles erreicht, das ein Face erreichen kann. Er hat die Company getragen, nach außen hin dargestellt, sich selbst zum Star gemacht, für sein Leben ausgesorgt, am Ende neue Wrestler aufgebaut und sportlich eine späte Anerkennung durch die Community erfahren. Was jetzt noch fehlt ist der Heel-Turn, der alles auf den Kopf stellt.

Do it!

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Masked keyboard warrior. Hits his enemies with his fabolous finisher - the keystroke. Writes about Wrestling.

  • spicollidriver

    Da ist der ein oder andere Punkt dabei, der entweder nicht akkurat ist oder den du dir quasi gemäß deiner Argumentation „hingebogen“ hast.

    – Hassan verschwand nicht von der Bildfläche, weil er „zuviel heat hatte“. sondern deshalb, da die WWE angesichts der Bombenanschläge in London Angst vor medialen Reaktionen hatte, falls sie einen „Terroristen“ als Charakter in ihren shows präsentieren würden.

    – Bei dir klingt es so als gäbe es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Wechsel zu PG und den negativen Reaktionen auf Cena. Dies ist aber „historisch“ kaum haltbar. Bereits im Sommer 2005, also lange vor der offiziellen Änderung der Ausrichtung der Sendungen, gab es „mixed reactions“ bei Cena, in den folgenden Monaten (insbesondere auch 2006) wurde er sogar bei vielen tv shows/ppvs mehrheitlich ausgebuht.

    – Ich stimme zu, daß sowohl „Gute“ als „Böse“ oftmals nicht ausreichend ausgearbeitet sind. Allerdings mit dem Zusatz, daß heels auch früher nie wirklich „gefährlich“ waren. Wer hätte denn Angst vor den Gegenspielern der Attitude Era gehabt? Und warum auch? So wurde Austin wortwörtlich mit einem Auto angefahren – aber hey, ist wrestling, hier ruft keiner die Polizei, wir regeln das hier unter uns.

    (das ist dann sogar nochmal etwas anderes als eine bewußte, durch heels verursachte „Verletzung“, die im Ring stattfindet)

    • http://www.kayfabe.de K-Dave

      Danke dir erst mal für dein Feedback!

      War vielleicht etwas verkürzt formuliert, aber die kochenden Emotionen im Bezug auf den Hassan-Charakter waren letztlich schon eine immense Gefahr für die Company und vor allem für Hassan / Daivari. Der London-Anschlag hat den Zeitpunkt definiert, aber beenden müssen hätte man es so oder so in Kürze. An externen Auslösern hat es über die Jahre ja leider nicht gemangelt.

      Zum zweiten Punkt: Cena mag zuvor schon zwiespältige Reaktionen erhalten haben, was vor allem an der Färbung seines Gimmicks durch den „The Marine“ Film lag, aber die PG-Ära hat das noch ordentlich befeuert.

      Die Aura des Gefährlichen schwang meiner Meinung nach immer beim Wrestling mit. In den 70er und 80er Jahren gab es im Wrestling echt ein paar legitime harte Hunde, die auch außerhalb des Rings immer wieder für Trouble sorgten. In den späten 80er Jahren war es der wilde Rock ‚N‘ Roll Lifestyle, der für Schlagzeilen und Skandale sorgte. Die 90er Jahre vermittelten vor allem Unangepasstheit und Tabubrüche. Eine solche Edginess findet man heute nur noch im Independent-Wrestling. Der Mainstream ist mittlerweile hochprofessioneller, non-kompetitiver Leistungssport. Nicht mehr und nicht weniger.

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