Wrestler in Ketten: Warum Scripts dem Business schaden

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Shawn Michaels ist auch mit 50 Jahren einfach nicht in ein Format zu pressen. Kameras haben sich nach ihm auszurichten, nicht er sich an sie. Und überhaupt – leckere Pizza, die der junge Fan da futtert. Da kann man als gechillter Ruheständler im Vorbeigehen ja mal ein Stück abbeißen.

Ja, so ist er – der gute, alte Heartbreak Kid und dafür lieben wir ihn. Gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage, warum die heutigen Jungs nur noch wie Maschinen funktionieren. Wo ist die echte Interaktion mit den Fans, das leben im Moment, die Improvisationskunst und die Selbstsicherheit abgeblieben, sich abseits eines Scripts zu bewegen?

Live-Entertainment ist Improvisation

Im Wrestling, wie in anderen Unterhaltungsbranchen, gilt: Ablauf nach Script ist replizierte Unterhaltung. Austauschbar, unflexibel und leblos. Es schafft eine gewisse Sicherheit hinter den Kulissen und überbrückt Phasen mangelnder Kreativität. Man spult einfach ein Programm auf Autopilot ab, bis einem etwas besseres einfällt.

Doch an welche Momente erinnern sich Fans wirklich?

Die Fan-Reaktionen bei The Rock vs Hulk Hogan (Wrestlemania 18) konnte niemand scripten. Man ging mit dem Flow und turnte den Bösewicht Hogan on-the-fly zum Publikumsliebling.

Die „Pipebomb“ von CM Punk war nicht nur für das Wrestling ein großer TV-Moment. Der Mann durfte sich hier frei von der Leber auskotzen und er nahm die Einladung mehr als dankbar an.

Es schadet darüber hinaus überhaupt nicht, wenn Wrestler ihr ringerisches Können einsetzen, um ein paar echte sportliche Momente im Ring zu schaffen. So ließ Newcomer Daniel Puder den Veteran Kurt Angle 2004 ziemlich alt aussehen, als er im Matchablauf ernst machte und Angle nahezu in Bedrängnis brachte ernsthaft in einem Haltegriff aufzugeben. Diese „Shoots“ im Ring waren immer Teil des Business. Die Auflösung der Trennschärfe zwischen Storytelling und Realität bringt seit jeher die nötige Brisanz ins Spiel, die Wrestling von Zirkusattraktionen unterscheidet.

RAW anno 2015 ist Wrestling-Satire

Zwischen gesunder Selbstironie und geschäftsschädigender Parodie des eigenen Schaffens gibt es einen großen Unterschied. Wir liebten diese Momente, wenn ein Mankind bspw. Kayfabe bricht um The Rock die aus dem Gesicht gefallene Brille wieder aufzuheben. Das lockert die Stimmung. Auch aberwitzige, derbe Momente wie Gene Snitsky als Babykiller gehören zu den unterhaltsamen WTF-Momenten der WWE.

Wenn ein Triple H hingegen aus der Rolle fällt, ein Tänzchen mit The New Day hinlegt, um dann nächste Woche wieder ein Problem mit dem Team zu haben, ist das inkonsistent. Diese permanente Ironie und das zur Schau gestellte Desinteresse an der Glaubwürdigkeit von Storylines ist ein grundsätzliches Problem der Segmente rund um Triple H und Stephanie McMahon. Das ist nicht für die Fans, das ist Weichspüler-Programm für Sponsoren und Investoren.

Im Ring sieht die Sache selten besser aus. Wer Wrestling als Unterhaltung für Familien verkaufen will, muss den Spagat schaffen Gewalt nicht wie Gewalt aussehen zu lassen. Das erzielt man zum einen mit einer Zensur besonders aggressiv aussehender Manöver und zum anderen mit der Darstellung der Action als konsequenzlos. Wer heute noch regungslos liegen bleibt, ist morgen wieder ein fitter Spaßvogel auf dem WWE Network – ist ja alles nur Spaß.

Gegenentwurf: Brock Lesnar

Brock Lesnar ist ein Schläger. Er gab im Podcast mit Steve Austin an schon als Kind Andere verprügelt zu haben. Wrestling ist für ihn nur eine sekundäre Leidenschaft, dem Mann geht es ums Geld und das gibt er unverhohlen zu. Er kann Menschen nicht leiden. Die Gesundheit anderer Wrestler ist ihm häufig ziemlich egal. Ein durch und durch egoistischer, unbequemer und rücksichtsloser Zeitgenosse, dem man im echten Leben lieber aus dem Weg geht. Aber die Leute lieben ihn. Kaum ein anderer Mann im WWE-Roster zieht solche Reaktionen. Wieso ist ein so unbequemer Typ wie Lesnar derart beliebt?

Die Antwort ist recht einfach: Brock Lesnar ist der Prototyp des klassischen Wrestlers und damit nahezu alternativlos. Er hat die entsprechende Statur, ist ernsthaft gefährlich, im Ring schwer zu zügeln und er lässt mit dieser Attitüde 90% des restlichen Rosters wie einen Kindergarten aussehen.

Lesnar mag sich grob an das Script halten, aber man hat jederzeit das Gefühl, dass gleich etwas unvorhersehbares passiert. Man traut ihm nicht über den Weg. Was, wenn er den Haltegriff zu fest durchzieht? Wie reagiert er, wenn der Gegner in den Shoot-Modus schaltet? Wie gesund können 15 Suplexen mit derartiger Brachialität sein?

Brock Lesnar befindet sich hier in der Tradition eines Dynamite Kid, Big Van Vader, der Nasty Boys und anderen Outlaws, die lieber intensiv als handzahm workten.

Handbremse lösen und Scripts lockern

Ich bin mir sicher – auch das derzeitige Main-Roster beherbergt noch den ein oder anderen Rohdiamanten, dessen Entfesselung den nächsten Steve Austin hervorbringen könnte. Dafür muss man die Leute aber von der Leine lassen. Auf der Seite der Wrestler muss zudem der Mut vorhanden sein, über den Rahmen des erlaubten hinauszugehen.

Manche Charaktere haben wenig natürliches Charisma und brauchen ihre Gimmicks und Scripts. Andere warten nur darauf losgelassen zu werden. Ich denke da bspw. an einen Damien Sandow. Ein Mann mit genug natürlicher Attitüde und Sicherheit am Mikrofon, um Segmente in eigene Worte zu packen und sich selbst zu besser verkaufen, als irgendein Writer dies für ihn tun könnte.

Wade Barrett ist ein weiterer Fall von Gimmick-Verwurstung. Man wünscht sich regelrecht, Barrett würde sich die Maske vom Gesicht reißen und sein natürliches Charisma ausspielen.

Gimmicks sind aber nicht per se schlecht – im Gegenteil. Bray Wyatt funktioniert erst so richtig seitdem er eines hat. Aber warum diese hohlen Phrasen? Warum diese substanzlosen Storylines? Man hat hier ein Horror-Stable und liefert keinen Horror ab. Hört man Wyatt In-Character Interviews für Radios und Podcasts geben, so merkt man erst welche Geschichten er selbst erzählen würde, drückte man ihm keine Dialoge zum auswendig lernen in die Hand.

Das kurze Segment zwischen Seth Rollins und Shawn Michaels bei RAW hat den Unterschied zwischen alter Schule und krampfiger Schauspielerei der aktuellen Ära schmerzhaft aufgezeigt. Während Rollins seine Phrasen und Keywords abspulte, konterte Michaels mit loser Zunge und beispielloser Eloquenz. Und selbst wenn seine Worte 1:1 so auf dem Papier standen, hatte man zu keiner Sekunden diesen Eindruck.

Echte Menschen , echte Emotionen – auch im Ring

Leidenschaft entsteht immer dort, wo eine Person sich selbst verwirklichen kann. Und nur echte Leidenschaft ist auf andere Menschen übertragbar. Will die WWE den langjährigen Rückgang der Ratings endlich stoppen und die Fans wirklich wieder dauerhaft begeistern, dann muss den Wrestlern kreative Kontrolle über Charakter und Storylines gewährt werden. Die „Reality Ära“ ist ein Fehler. Sie trennt Show und Realität konsequent voneinander. Dadurch ist Sports Entertainment nur noch eine artistische Zirkusnummer und nicht mehr diese mysteriöse, emotional aufgeladene Unterhaltungsform, die mit den Grautönen spielt. Scripts und Auflösung des Kayfabe nehmen dem Wrestling die Seele.

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Masked keyboard warrior. Hits his enemies with his fabolous finisher - the keystroke. Writes about Wrestling.

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